Geschichte des 1. Mai: Michael Schwab und der Haymarket Riot (29.03.10)
Am 1. Mai 1886 begann in Chicago (Illinois, USA) ein mehrtägiger, von den Gewerkschaften organisierter Streik, um eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden durchzusetzen. Die mit diesem und den darauf folgenden Tagen verbundenen Ereignisse werden als Haymarket Riot, Haymarket Affair und Haymarket Massacre bezeichnet und begründeten die Tradition der internationalen Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, den 1. Mai zum "Kampftag der Arbeiterklasse" zu erklären. Am 9.8.1853 wurde in Kitzingen Michael Schwab geboren, der maßgeblich am Geschehen des 1. Mai 1886 beteiligt war.
Am Abend des 1. Mai 1886 fand eine Arbeiterversammlung auf dem Haymarket in Chicago statt, deren Redner u. a. die Chefredakteure der deutschsprachigen, sozialistischen Arbeiter-Zeitung August Spies und Michael Schwab waren. Einer der Gründe der Versammlung war, dass die Gewerkschaft drei Wochen zuvor ihren ersten großen Sieg in Chicago verbuchen konnte: In einer Fabrik für landwirtschaftliche Geräte hatte sich die Mehrheit der Arbeiter gegen die Betriebsleitung solidarisch erklärt und wegen der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der Fabrik mit Streik gedroht. Für einen 12-Stunden-Arbeitstag wurden im Durchschnitt 3 US $ gezahlt (Zeitwert: Für 3 US $ bekam man im Jahr 1886 in einem Restaurant ein mageres Abendessen). Die Folge waren Massenaussperrungen. Die dadurch 800 bis 1.000 freien Stellen sollten nun mit neuen Einwanderern, die in solchen Fällen vor der Fabrikpforte Schlange standen, aufgefüllt werden. Infolge der Kampagne der Arbeiter-Zeitung meldeten sich jedoch nur 300 neue Arbeiter, was als erster großer Sieg der Gewerkschaft gewertet werden kann. Nach der Haymerketversammlung folgte ein mehrtägiger Streik in Chicago.
Als am 3. Mai die Polizei einschritt, um eine Versammlung von Streikenden nahe dem McCormick Erntemaschinen-Betrieb aufzulösen, wurden sechs Arbeiter getötet und einige weitere verletzt. Am folgenden Abend versammelte sich eine Menge von mehreren tausend Streikenden und marschierte zum Haymarket-Square. Wiederum versuchte die Polizei, auch unter dem Eindruck der gewalttätigen Auseinandersetzungen zuvor, die Versammlung aufzulösen. Der Protestmarsch wurde aber fortgesetzt und verlief friedlich.
Die Lage eskalierte am nächsten Tag, dem 4. Mai, als jemand eine Bombe in die Menge warf, die sich wieder am Haymarket-Square versammelt hatte. Zwölf Menschen starben, der Polizist Mathias J. Degan noch am Ort des Geschehens, und sechs weitere Polizisten erlagen später ihren Verletzungen. Die Polizei eröffnete daraufhin das Feuer und tötete und verletzte eine unbekannte Zahl von Protestierenden. Da einige der Redner dieses Tages Anarchisten gewesen waren, behaupteten die Kapitalisten und die bürgerliche Presse, dass ein Anarchist die Bombe geworfen hatte. Ein Beweis für eine solche Verbindung konnte allerdings nicht erbracht werden.
Obgleich niemand überhaupt den Bombenwerfer erkannt hatte, wurden acht Männer, welche den Streik mitorganisiert hatten, angeklagt und für schuldig befunden. Es gab keine Beweise für eine Verbindung der Angeklagten zu dem Bombenanschlag. Vielmehr argumentierte Richter Joseph Gary, dass der Bombenwerfer auf Grund der Ideen der Männer gehandelt hatte und diese damit ebenso schuldig wären, als hätten sie selbst den Anschlag verübt. Albert Parsons, August Spies der Chefredakteur und Herausgeber der sozialistischen Arbeiter-Zeitung, Georg Engel und Adolph Fischer wurden gehängt. Louis Lingg beging in seiner Zelle Suizid mit einer Revolverpatrone, welche er zwischen die Zähne geklemmt, mittels einer Kerze zur Explosion brachte. Oscar Neebe wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Todesurteile von Michael Schwab und Samuel Fielden wurden von Gouverneur Richard James Oglesby in lebenslange Haft umgewandelt.
Die Verurteilten führten zu einem Aufschrei in internationalen Arbeiterkreisen und Protesten rund um die Welt. August Spies wird mit den Worten zitiert: „Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen stärker ist, als die Stimmen, die Sie heute erdrosseln." und mit den Worten, die er während der Arbeiterversammlung auf Haymarket am Abend des 1. Mai 1886 in Chicago mehrfach sagte: "Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben!"
Der Lebenslauf des Michael Schwab
Michael Schwab wurde am 09.08.1853 in Kitzingen geboren. Der Vater war Glasermeister, die Mutter entstammte einer gut situierten Bauernfamilie. Am 5.8.1869 begann Schwab eine Buchbinderlehre in Würzburg. 1872 gab es erste Kontakte mit sozialistischen Gedanken. Schwab wurde Mitglied der Buchbindergewerkschaft und trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. Während seiner Wanderjahre betrieb er sozialistische Werbetätigkeit und gründete die sozialistische Gesellschaft, "Roter Club" mit dem Ziel, Redner auszubilden.
Nach seiner Auswanderung trat er in die "Socialistic Labor Party" ein. Er wurde mit August Spies Chef der "Arbeiter-Zeitung". Am 1. Mai 1886 wollten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Amerikas einen weiteren Anlauf zur Durchsetzung des 8-Stunden-Tages nehmen. Am 3.5.1886 knüppeln Polizisten eine Protestaktion von Mc Cormick Arbeitern nieder, mehrere Arbeiter wurden getötet. Diese Vorfälle münden in Forderungen der Arbeiter nach Vergeltung. Auf der anderen Seite hetzen Presse und Chicagos Unternehmer gegen die Wortführer der Arbeiter, unter ihnen Michael Schwab.
Am 4.5.1886 während des "Haymarket Riot" spricht Michael Schwab auf einer anderen Versammlung eine Stunde Fahrt vom Haymarket entfernt. 12 Zeugen bestätigen, dass er den Rednerwagen nicht verlassen hat. Am 5.5.1886 wird Schwab in den Räumen der Arbeiter-Zeitung – unter Mordanklage verhaftet. Am 27.5.1886 wurde sein Verfahren eröffnet. Am 20.8.1886 befanden ihn die Richter für schuldig: Es kam zum Todesurteil durch erhängen. Der 11. November 1887 wird als Vollstreckungstermin festgelegt. Am 10.11.1887 wurde die Todesstrafe in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt, seine Genossen Spies, Fischer, Engel und Parson wurden am 11.11.1887 hingerichtet.
Eine breite Amnestiebewegung setzte sich mit Unterschriftensammlungen, Veranstaltungen und Geldspenden für die Gefangenen ein. Sprecher war Dr. Ernst Schmidt der "rote Doktor" aus Ebern. Er war im Revolutionsjahr 1848 in Franken aktiv. Nach monatelanger Prüfung der Prozessakten, begnadigte Gouverneur John Peter Altgeld (1893-1896) die drei verbliebenen Häftlinge Schwab, Neebe und Fielden am 26.7.1893. Die Begründung entlarvte das Urteil des Geschworenengerichts als Justizmord. Schwab setzte bis 1897 seine Arbeit für die "Arbeiter-Zeitung" fort. Michael Schwab verstirbt am 29.06.1898 an den gesundheitlichen Folgen (Lungenkrankheit) von Zwangsarbeit und Haft. Michael Schwab liegt auf dem Waldheim-Friedhof neben den sieben anderen "Haymarket-Märtyrern" begraben.
Norbert Lenhard
Literatur und weitere Quellen
"Haymarket!" 1886: Die deutschen Anarchisten von Chicago-Reden und Lebensläufe
Wagenbach 1975 (H. Karasek)
"Freisprüche, Revolutionäre vor Gericht"
Suhrkamp 1973 (H. M. Enzensberger)
"Auch ein Sohn Mannheims: Louis Lingg"
2007 (Harry M. Siegert)
"Der arme Teufel. Robert Reitzel – vom Vormärz bis zum Haymarket"
1986 (U. Heider)
"Michael Schwab – Wikipedia, the free encylopedia"
"August Spies" Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika
Kassel 1992 (Heinrich Nuhn)
"Der rothe Doktor von Chicago", Axel W.-O. Schmidt
6 Briefe von Michael Schwab befinden sich im internationalen Institut für Soziale Geschichte in Amsterdam (einer gerichtet an F. A. Sorge)
Stadtarchiv Kitzingen Recherchen von Frau Doris Badel
zum Download